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Laufbandgedanken

Meine Ruhe habe ich nur im Park...

Wer denkt, ein Laufband zu benutzen sei kinderleicht, der hat sich kräftig geschnitten. Einfach daraufstellen und loslaufen, das hört sich einfach an – ist es aber nicht. Das Hamsterrad für den Homo Sapiens ist vielleicht das am meisten missverstandene Fitnessgerät überhaupt. Ich selbst habe bereits zahllose Stunden auf diesem feinen Stück Technik verbracht. Und hatte viel Zeit, meine Umgebung eingehend zu studieren. Ich bin kein Experte, kein Personal Trainer und kein Laufcoach  – aber ich kann einfach nicht mehr tatenlos zuschauen. Es wird Zeit, dass jemand ein paar Missverständnisse aus der Welt zu räumt. Darum mache ich jetzt den Anfang:

1. Wenn ich die Steigung auf 20% einstelle, verbrauche ich mehr Kalorien.
Dieses Missverständnis ist in meinem Fitnesstempel bei einem ganz bestimmten Typ Frau weitverbreitet. Sie kommt mit hochtoupiertem Haar und perfekt aufgelegtem Make-up aus der Umkleidekabine – umhüllt von einer Parfümwolke, die mir den Atem raubt. Gerne trainiert sie im Doppelpack mit der Busenfreundin, die das Laufband nebenan belegt.

Ihr Trainingsziel: möglichst viele Kalorien bei minimalem Zeit- und Schweißaufwand verbrauchen. Darum stellt sie die Steigung ihres Laufbandes auf 20%. Und hält vorne an der Konsole fest, damit sie nicht nach hinten umkippt – was den Steigungseffekt komplett zu Nichte macht. Dieser Typ Frau glaubt übrigens auch, dass man bei 20 Minuten Aquajogging 1200 Kalorien verbraucht.

„Ich habe heute in einer Stunde 2000 Kalorien verbraucht“ höre ich eine junge Dame neulich zur Busenfreundin sagen und beobachte, wie sie sich genüsslich einen riesigen Schokoriegel zwischen die Zähne schiebt. Soll ich sie jetzt aufklären? Ihr sagen, dass ich für 2000 Kalorien über 3 Stunden rennen muss? Ich bringe es nicht übers Herz – nicht so kurz vor Weihnachten.

2. Zu langsam laufen kann man nicht.
Falsch! Wer mit einem Stundenkilometer auf dem Laufband eine Stunde dahinschleicht, der kann sich auch genauso gut zuhause auf die Couch legen. Selbst beim Staubsaugen kommt der Körper mehr in Fahrt. Trotzdem scheint ein bestimmter Typ Frau vom durchschlagenden Trainingseffekt der Langsamkeit überzeugt zu sein.

Vielleicht flüchtet sie sich ja nur in den Fitnesstempel, weil der Ehemann zuhause Terror macht? Und möchte bei Minimalgeschwindigkeit Zeit totschlagen? Doch auch in diesem Fall empfehle ich zumindest ein zügiges Gehtempo – ja, je schlimmer der Mann umso schneller. Denn wer sich auf der Tretmühle so richtig auspowert baut Stress ab – und kommt glücklicher nach Hause.

3. Je Schneller desto besser.
Ähm, nein! Wir alle wollen gerne schnell laufen können – aber die nackte Wahrheit ist – nur die wenigsten können es. Woran aber merkt man, oder besser frau, dass sie zu schnell läuft?

a) wenn frau sich vorne an der Konsole festhalten muss
b) wenn die Fersen beim Laufen über die Hinterkante des Laufbandes hinausschießen
c) wenn frau zwischendurch auf die Seitenbande springen muss, um keinen uneleganten Abgang nach hinten hinzulegen.

4. Ich bin schneller als jedes Mädchen.
Liebe Herren, seid ihr nicht. Männer hängen sich nicht an die  Konsole, sie schleichen nicht und stellen das Laufband selten aus Unwissenheit zu schnell ein. Sie haben dafür nur ein anderes, schwerwiegendes Problem – falschen Ehrgeiz. Lieber sterben sie am plötzlichen Herztod als langsamer zu Laufen als die Dame auf der Tretmühle nebenan. Kein Mann will von einem Mädchen überholt werden – weder draußen im Park noch auf dem Laufband. Für den einigermaßen sportlichen und lauftalentierten Zeitgenossen ist das normalerweise kein Problem. Aber nicht jeder Mann ist sportlich – oder talentiert.

Liebe Herren, seid ihr nicht!

Neulich besteigt ein Mitvierziger mit Bauchansatz das Laufband neben mir. Es ist sein erstes Mal, er braucht 5 Minuten, um den Startknopf auf der Konsole zu finden. Ich laufe mit 11 Stundenkilometern -  für einen völlig untrainierten Laufanfänger mit Schoko-Spoiler für den Anfang nicht gerade empfehlenswert. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, seine Geschwindigkeit ehrgeizig auf 12 Stundenkilometer einzustellen. Und mir einen triumphierenden Machoblick zuzuwerfen. Fünf Minuten später triumphiert er nicht mehr – dafür schnauft er schwer. Sein Kopf ist tomatenrot.

Ich werde nervös. Muss ich jetzt meine Geschwindigkeit verringern, um Schlimmeres zu vermeiden? Bin ich mitverantwortlich, wenn er gleich in sich zusammensackt oder nach hinten vom Laufband geschleudert wird? Und wo zum Teufel hängt der Defibrillator?

Sein Personal Trainer rettet uns beide „Das reicht für heute“ sagt er zu dem röchelnden Wesen neben mir, das einst ein stolzer Mann gewesen ist.

Ich atme erleichtert auf. Und wünsche mir, dass endlich einmal einer aufräumt mit all den Missverständnissen. Damit ich endlich in Ruhe laufen kann – und alle anderen LäuferInnen auch.

Discussion

One Response to “Laufbandgedanken”

  1. Spot on !

    Die Cyberwelt … – als langjähriger JK Läufer und beruflich oftmaliger Irlandbesucher auf Deinen Blog gestossen… und herzlich gelacht … – diese Beobachtung gilt aber NICHT nur bei Männern-Damen sondern auch bei Männern untereinander … der Blick auf die km/h Anzeige ist oft so lustig … – nachdem ich viele – viele – viele Stunden am LB bin (oft in Hotels ..) – kenn ich dass so genau… gebe aber zu dass in den Anfangszeiten meiner Läuferkarriere ich auch so war … – heute merken die Kollegen dann dass ich nach 2 Stunden noch immer am Band bin wenn Die schon längst an der Bar sitzen ….

    Posted by Heinrich | 01. Feb, 2011, 12:00

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