Läufer-Angehörige haben es schwer. Weil es aus dem Wäschekorb müffelt. Und weil das Geplapper über Pulsfrequenzen und Tempoeinheiten auf Dauer nervt. Nie haben sie ihre Ruhe – das sanfte Stöhnen des Spitzenathleten wiegt sie abends in den Schlaf und erweckt sie morgens zu neuem Leben. Statt Schokolade finden sie Energiegels im Vorratsschrank und statt Kuchenkrümmel Magnesiumstaub auf dem Küchentisch. Läufer-Angehörige stolpern über Laufschuhe – und zuweilen über den röchelnden Sportler selbst.
Am schlimmsten aber sind die Läufer Weisheiten. Besonders Marathonis haben beim Training Zeit zum nachdenken – über die Dinge, die sie etwas angehen und über die Dinge, die eben nicht. Auch ich bin Meister der unnützen Ratschläge. Diese beginnen meist mit: „Das ist wie beim Marathon…“
Wie heute am Telefon: Daliah singt mir den Neun-Monats-Schwangerschafts-Blues. Alles tut weh: die Rippen sind wund, der Magen brennt, die Gelenke knacken. – Kinderlos und ohne Schimmer denke ich an Seitenstiche und Laktat-Gummibeine.
Nachts träumt Daliah, dass ihr beim Einkaufen die Fruchtblase platzt. Und dass sie zwischen Kinderspielzeug und Haushaltswahren auf die Krankenbahre geladen wird. – Vor meinem inneren Auge sehe ich mich bei Kilometer 30 zusammenbrechen. Sehe, wie mich die Sanitäter unter den mitleidigen Blicken der Zuschauer von der Strecke ziehen. Und höre mich sagen:
„Das ist wie beim Marathon. Die letzten 10 Kilometer sind unglaublich schmerzhaft. Aber sie sind Teil der Reise. Versuche, sie zu genießen. Denn wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Unwiederbringlich.“
Noch während ich es auspreche, wird mir bewusst: ich habe keine Ahnung, wovon ich rede. 40 Wochen und 40 Kilometer – das kann man nicht vergleichen. Oder doch?
Aber Daliah lacht: “Du hast recht!”
Ich atme auf. Wissen ist Macht. Aber nichts wissen macht eben auch nichts. Gottseidank.



Na ja, am Ende einer Schwangerschaft geht es erst richtig los (DAS kann ich mehrfach beurteilen), am Ende eines Marathons ist mal Ende, oder? (DAS kann ich wieder nicht beurteilen). Wie schön, dass man vor so einer Unternehmung nicht weiß, was genau danach herauskommt. Macht hin oder her
Nette Geschichte!
Elisabeth
Posted by Elisabeth | 21. Feb, 2011, 14:06Genau Elisabeth, aber auch davon habe ich keine Ahnung – im Gegensatz zu Daliah. Die hat schon eins und weiß also zumindest teilweise, worauf sie sich einlässt. Liebe Grüße nach Österreich.
Posted by littlewhitepony | 22. Feb, 2011, 18:07