Oder “Lass dich nicht stören, Schatz”
Wer schneller werden will, der muss sich quälen. Das weiß jeder – leider auch mein Läuferleib. Schon beim bloßen Anblick meines Trainingsplans machen bei mir sämtliche Muskeln dicht. Mein zarter Läuferpo fällt ins Koma und zieht seine besten Freunde, die hinteren Oberschenkelmuskeln, mit in die Bewusstlosigkeit. Und weil meine Waden charakterlose Mitläufer sind, treten auch sie kurz entschlossen in den Streik. Verräter!
Steif wie ein Brett liege ich auf dem Bett. „Massiere’ mich!“ fordere ich. Mein Göttergatte stellt sich taub. Ich versuche es auf die sanfte Tour „Haaaaaseeeeee,“ flöte ich „würdest du, mich eventuell, vielleicht kurz durchkneten?“ Keine Reaktion – der Herr der Schöpfung hat offensichtlich keine Lust. Hat er doch gerade bei seinem Lieblingscomputerspiel das nächste Level erreicht. Und überhaupt ist er ein viel beschäftigter Mann: schon in zwei Stunden muss er Basketball schauen. Das geht die ganze Nacht. Da kann er nicht einfach so und schon gar nicht ohne Termin.
Beleidigt drehe ich mich auf die Seite. Na gut, dann eben nicht. Zum Glück gibt es ja noch meine Yoga Wunder DVD. Auf Yoga-Guru Roland ist immer Verlass. Er sieht gut aus und kann, wovon ich unlängst träume: lässig den Boden mit den Fingerspitzen berühren.
Mein Göttergatte findet die bloße Existenz dieser DVD in unserem Haushalt zum Schießen. “Yoga ist was für Mädchen,” spottet er und findet dass „Yoga-Prinzessin Roland mit seinem Stirnband einfach nur lächerlich aussieht.” Leider hat er noch nicht entdeckt, dass neben dem Meister der Meditation auch zehn aufreizende Damen ihren Körper biegen.
So oder so: seine Abneigung gegen jegliche Sportart ohne Ball und ohne Blutverlust, zwingt mich in den Untergrund. Entweder heimlich die Sonne grüßen oder für immer unter dem gnadenlosen Spott meines Liebsten leiden. Dann doch lieber das Erstere. Ich hechte eilig vom Büro nach Hause. Mir bleibt genau eine Stunde, um sämtliche Spuren wieder zu verwischen.
„Ashta Karana – die Acht-Bewegungsrichtungen der Wirbelsäule,“ haucht Rolands zarte Stimme aus dem Lautsprecher – untermalt von esoterischer Entspannungsmusik, die meine Muskeln sofort versöhnlich stimmt. Ich seufze erleichtert. Roland steht im pastellfarbenen Schlabber-Look am Strand, umringt von sportlichen Grazien und biegt sich geschmeidig in alle Himmelrichtungen. Ich dagegen klemme im heimatlichen Wohnzimmer zwischen Couch und Fernsehsessel – von Geschmeidigkeit keine Spur.
„Shalabhasana – die Heuschrecke,“ säuselt Roland.
„Die Heeeuuuuuuschrecke!“ wiederholt eine tiefe Stimme aus dem Off – mit beunruhigend spöttischem Unterton.
Ich liege auf dem Bauch und sehe ungefähr so aus wie Superman, wenn er auf dem Boden Flugübungen macht. Ich wage einen Blick über die Schulter und schaue in eine Reihe Zähne, die zwischen einem grinsenden Paar Lippen hervorblitzen. Dahinter: mein Göttergatte. Oh, welche Schmach! Bleibt mir denn überhaupt nichts erspart?
„Shalabhasanaaaaaah!“ trällert er „die Heeeeeuuuuuuuhschrecke!“ und fügt höhnisch an: „Lass dich nicht stören, Schatz.“
Der Drecksack. Resigniert rolle ich meine Matte zusammen und melde mich beim Pilates an – weil da nicht nur gedehnt, sondern auch gleichzeitig noch das ‘Powerhouse’ gestärkt wird. In einem unbekannten Fitnessstudio selbstverständlich, an einem Ort irgendwo in Irland, den ich auch unter größten Folterqualen nicht preisgeben werde. Schon gar nicht meinem Göttergatten.
Niemals!



I LOVE this story….
Posted by Daliah | 17. Jun, 2011, 17:44Wunderbar überhaupt, und mehr: Pony, Du benutzt mein Lieblings-Beschimpfungswort: Drecksack. Was ein Drecksack. Das sitzt hoffentlich richtig. Drecksack, aber auch.
Posted by Wanderer | 18. Jun, 2011, 16:54Den Roland kenne ich auch – ein zuckersüßer Yogi!
Hmm, lecker!
Posted by Raketche | 27. Jun, 2011, 17:26