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Der längste Tag

Der erste Ironman des IM AK40-2011 - wie er hätte sein können…

Fotos: Daliah Immel Fotografie - Alle eisenharten Bilder findet ihr hier.

3:30 Uhr: der Wecker klingelt. Der IM AK40-2011 hat kein Auge zugetan. Die Ehegattin hingegen schon – und dabei ein Stück Regenwald der Größe Bayerns zersägt. Der IM AK40-2011 erwägt kurz, die nächste Tankstelle mit der Spielzeugpistole des Juniors auszurauben. Eine bessere Ausrede als: „Schatz, ich konnte nicht antreten, ich saß in Untersuchungshaft,“ will ihm partout nicht einfallen.

4:00 Uhr: Wie ein Todgeweihter vor der Henkersmahlzeit sitzt der IM AK40-2011 vor seinem Powermüsli – so richtig schmecken, will es ihm nicht.

4:30 Uhr-5:00 Uhr: Der IM AK40-2011 verbringt die nächste halbe Stunde auf dem stillen Örtchen und starrt geistesabwesend auf den Badvorleger. Das Powermüsli meldet sich wiederholt zu Wort. Der IM AK40-2011 vermutet einen Magen-Darminfekt der Kategorie Norovirus. Die Gattin bellt durch die Toilettentür. „Kneifen gibt’s nicht – was sollen denn die Nachbarn denken?“

5:30-6.00 Uhr: Irgendwie findet sich der IM AK40-2011 am Startbereich wieder. Nie war ihm schlechter. Tief inhaliert er die frische Morgenluft. Einatmen, Ausatmen – jetzt bloß nicht kotzen. Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Weniger als eine Stunde bis zum Start.

6.00- 6:30 Uhr: Toilette. Mehrfach. Neopren an. Neopren aus.

6.30 Uhr: Noch 15 Minuten bis zum Start. Die deutsche Nationalhymne erklingt und den IM AK 40-2011 überkommt eine eigenartige Ruhe. Er küsst seine Frau ein letztes Mal und steigt schicksalsergeben ins Wasser

6:45 Uhr: Startschuss!


Schwimmen

2000 Menschen beginnen, wild mit Armen und Beinen zu rudern – der See verwandelt sich in eine Waschmaschine im Schleudergang. Mittendrin und unter Wasser: der IM AK40-2011. Er ist sich sicher: Das war’s. Ende. Aus. Finito! Er sieht die Schlagzeile schon vor sich “Tragisches Ende: Eisenmann-Anwärter ertrinkt nach 100 Metern!” Aber dann, ganz plötzlich, kommt ihm der Gedanke:” Das hier ist der Moment, auf den ich so lange hingearbeitet habe – verdammt, ich sollte ihn nutzen und nicht kampflos aufgeben!” Er strampelt sich zurück an die Wasseroberfläche. Und schwimmt.

Radfahren

Auf dem Fahrrad fühlt sich der IM AK40-2011 wohl. Er spürt den Wind in seinem Gesicht und sieht die Straße unter sich vorbeigleiten. Seine Zweifel sind verschwunden – er ist jetzt konzentriert und ganz bei sich. Zweimal sieht er die Gattin an sich vorbeiziehen. Wie durch Watte hört er, wie sie ihn anfeuert. Er denkt nicht an die ganze Strecke auf einmal, nur an die nächsten 15 Minuten, die Zeiteinheit bis zur nächsten Nahrungsaufnahme. 6 Stunden Fahrradfahren, das sind 24 Ernährungseinheiten. Noch 10, 9, 8…Der Anstieg des Heartbreak Hill brennt in den Beinen. Noch 3 Ernährungseinheiten. Und dann ist der IM AK40-2011 in der Wechselzone.

Laufen

Nach sechs Stunden Fahrradfahren ist die Laufbewegung ungewohnt langsam, die Glieder steif vom Sitzen. Der IM AK40-2011 läuft zu schnell los. Er ist euphorisch – er hat es bis hierher geschafft: nur noch 42 Kilometer! Die Menge am Mainufer feuert ihn an. Doch schon nach kurzer Zeit werden die Beine schwer. Die Zuschauer nimmt der IM AK40-2011 nur noch schemenhaft war. Er will nicht mehr, er kann nicht mehr. Er läuft noch ein wenig weiter, dann beginnt er, zu gehen. An der Strecke steht ein kleines Mädchen – es schaut ihm direkt in die Augen und schreit: “Lauf weiter!” Der IM AK 40-2011 ist den Tränen nahe, aber er beginnt wieder, zu laufen. Irgendwie erreicht er Kilometer 35. Nur noch 7 Kilometer. Alles tut weh. Nahrung aufnehmen, kann er nicht mehr. Und dann wieder ein Gedanke: „Das hier sind die letzten 7 Kilometer meines ersten Ironmans. Ja, sie tun weh. Aber wenn sie vorbei sind, ist alles vorbei. Unwiederbringlich.“ Der IK AK40-2011 spürt nochmal genau in sich hinein. Fühlt den Schmerz. Die Erschöpfung. Sieht die Zuschauer am Streckenrand. Saugt alles auf, speichert es ab.

Und dann sieht er das Ziel…

“You are an Ironman”

Dem IM AK40-2011 kommen die Tränen. Er kann nicht glauben, dass er es bis hierher geschafft hat. Er hebt den Junior über die Absperrung und nimmt ihn an der Hand. Gemeinsam laufen sie ins Ziel. Aus dem Lautsprecher schallen die magischen Worte “You are an Ironman”. Für den IM AK40-2011 bedeuten sie nichts. Er ist leer. Erschöpft. Müde. “Es ist vorbei, Gott sei Dank,“ denkt er noch. Und dann ist er weg.

Eine Stunde später erwacht er auf einer Liege. “Gut gemacht, Mann!” sagt ein Sanitäter und klopft ihm auf die Schulter. “Du bist ein Ironman! – “Ich bin ein Ironman?” wiederholt er und begreift plötzlich, dass er es tatsächlich geschafft hat. Die Freude und die Euphorie kriechen in ihm hoch, bis sie ihn ganz erfüllen. Und mit dem Glück kommt auf einmal auch die Gewissheit “Wenn ich das kann, kann ich alles schaffen.“

The sky is the limit.

Discussion

One Response to “Der längste Tag”

  1. Danke ! – Extra gut geschrieben. … – das Gefühl zum Schluß erinnert mich an meinen ersten Marathon …. – Liebe Grüße

    Heinrich

    Posted by Heinrich | 12. Aug, 2011, 10:01

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