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Des Läufers Blues

Ich erwache in desolatem Zustand mit einem grippalen Infekt, der sich gewaschen hat. Selten ging es mir schlechter. Meine Cold-Killer Notfallmaßnahmen vom Vorabend waren völlig für die Katz: das Einsalben mit Vick Vaporub, das frühe Schlafen gehen, mein Anruf bei der göttlichen Genesungs-Hotline. Verdammter Mist – am Wochenende wollte ich doch Halbmarathon laufen!

Ich schäle mich mühsam aus dem Bett.

„Du siehst echt Scheiße aus,“ sagt eine Stimme aus dem Off. Ich reibe mir die Augen und erkenne: es ist mein Göttergatte. Der Charmeur. Er wedelt frenetisch mit dem Fieberthermometer und befiehlt:

„Du bleibst im Bett und lässt den Halbmarathon sausen. Basta!“

Frechheit. Versteht er denn überhaupt nichts? Goodbye Wettkampf heißt auch Bye, Bye, neue Bestzeit. Jeder halbwegs ehrgeizige Ausdauerathlet weiß: sich davon zu verabschieden, ist emotionale Schwerstarbeit – und zwar egal ob vor, im oder nach dem Wettkampf. Nichts ist fieser als die Fantasie, die im nachhinein das Unmögliche, möglich werden lässt: persönliche Bestzeiten, Siege, Weltrekorde, Teilnahme an Olympia und Top 10 Platzierung beim Ironman Hawaii! Das alles hätte sein können, nein, wäre ganz sicher gewesen, wenn nicht…

Einen Wettkampf loszulassen, das tut weh, das bedeutet, einen todsicheren Erfolg zu Grabe tragen. Verlorene Bestzeiten, verpasste Ziele sind der Stoff aus dem Sportler-Albträume gemacht sind. Am Sonntag nicht antreten zu können? – Dieser Gedanke ist für mich unerträglich – er reißt tiefe Wunden mein zartes Ponyherz. So ein Läuferblues heilt nur langsam,  Trauerbewältigung braucht eben Zeit:

Phase Eins: Nicht-Wahrhaben-Wollen und Verleugnung
Ich betrachte mich im Spiegel. So schlecht sehe ich eigentlich gar nicht aus. Immerhin: ich atme noch. Wer atmet, der lebt. Wer lebt, der kann laufen. Spontanheilungen soll es auch schon gegeben haben – selten, aber sie sind schon passiert. Bis Sonntag sind es noch exakt 48 Stunden. Bis dahin bin ich wieder fit. Ganz sicher.

Phase Zwei: Aufbrechen der Gefühle
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Meine wird kaltblütig ermordet – und zwar von meinem Fieberthermometer am Abend vor dem Halbmarathon. 39 Grad – womit habe ich das verdient? Habe ich mich nicht immer warm gehalten? Vitamine geschluckt? Prophylaktisch inhaliert?

“Liam, der Mistkerl, ist neulich in Shorts zwei Stunden durch den Regen gelaufen – und immer noch kerngesund! Ist das etwa fair?“ jaule ich, “Und der himmlische Gesundheitsservice ist auch sowas von Scheiße!“

„Du bist doch noch nicht mal Mitglied im Gott & Bibel e.v.,” bemerkt mein Göttergatte, der alte Ministranten-Streber!

“Na und? Heißt es nicht immer ‘Lasset die Schäfchen zu mir kommen’? Ist das etwa nur ein hohler Marketingslogan?“ fauche ich zurück und ziehe die Bettdecke über den Kopf.

Lass mich bloß in Ruhe Welt!

Phase Drei: Akzeptanz
Ich sehe es ein: Jammern bringt nichts. Den Halbmarathon kann ich vergessen. Aber, Ha Ha: ich habe ja noch einen Marathon auf meiner Liste. Sofort definiere ich ein neues Ziel: gesund werden – und zwar so schnell wie möglich.

Ich mache mehrere Termine bei meinem irischen Wunderheiler, der mich mit asiatischer Akupunkturkunst ins Reich der Gesundheit nadelt. Ich schlucke chinesische Kräuter mit unbekanntem Inhalt, bleibe im Bett und lasse mich gepflegt mit heißem Whiskey volllaufen. Ein altes irisches Hausrezept – hilft gegen alles, auch gebrochene Läuferherzen.

Phase Vier: Neuorientierung
Halbwegs gesund. Laufschuhe an. Türe auf. Angriff. See you in Munich.

Discussion

3 Responses to “Des Läufers Blues”

  1. Liebes Pony,
    das nennt man Krisenbewältigung!!
    Ich wünsche dir ganz viel Glück und Erfolg und natürlich Spaaaaaß in München :-) .

    LG, Jule

    Posted by Juliane | 03. Okt, 2011, 16:59
  2. Liebes Pony, Gesundheit geht nun einmal vor!
    Wenn es Dich auch vielleicht nicht richtig tröstet: Auch Profisportlern passiert so etwas. Daran musste ich nämlich bei Deinem Zitieren vom Ironman Man Hawaii denken, der am nächsten Wochenende stattfindet. Die Raelert-Brothers (Michael und Andreas) wollten dort zusammen als Brüderpaar aufs Siegertreppchen kommen. Michael ist nun verletzt, kann dort nicht teilnehmen und verzichtete in diesem Jahr deswegen auch auf seine WM-Titelverteidigung über die halbe Ironman-Distanz in Clearwater. Du befindest Dich also in guter Gesellschaft ;-)
    Also, Kopf hoch, gesund werden und in München durchstarten!

    Posted by Gudrun | 03. Okt, 2011, 17:40

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