Mit dem Marathonlaufen ist es wie mit dem Geburtsschmerz. Hat man die Medaille erst in der Hand, sind alle Qualen vergessen. Nur deswegen gibt es Wiederholungstäter. Bekloppte wie mich, die es einfach nicht lernen.
Genau das denke ich, als am Morgen des München Marathons viel zu früh mein Handy klingelt. Schlaftrunken knurre ich in den Hörer „Hallo – es ist doch erst vier?“ Mein Weckdienst schaut irritiert auf ihr Handy und stellt fest – sie hat den Wecker falsch gestellt. Viel zu früh liege ich glockenwach im Bett und warte auf mein Verderben.
Sechs Stunden später fällt der Startschuss. Und weil es von jetzt an nur noch nach vorne geht, laufe ich schicksalsergeben los. Kaum bin ich über die Startlinie, stelle ich fest: ich bin in der falschen Welle. Der 4 Stunden Pacer startet erst in fünf Minuten. Es fängt schlecht und – es geht noch schlimmer weiter:
Kilometer 15: Superfotografin Daliah und Eisenmanngattin Claudia liegen wie Paparazzis auf der Lauer. Ich werfe mich in Pose und tue so, also ob ich Spaß hätte. Eigentlich habe ich jetzt schon die Schnauze voll. Aber: ein Topmodel kennt keinen Schmerz. Heidi wäre stolz auf mich.
Halbzeit: 1.59 h – Ich fühle mich wie einer der Daltons aus der Komikserie Lucky Luke. Mit einem Unterschied: ich habe an beiden Füßen Stahlkugeln – nicht nur an einem. Aber: ich bin noch im Zeitplan. Jetzt aufhören wäre irgendwie blöd – also laufe ich weiter.
Kilometer 28: Mitten im Nirgendwo ein kleines Licht, das mich magisch zu sich zieht. Ein himmlisches Zeichen? Nein, es ist kein Stern, es ist ein Mac Donalds Schild. Mac Flurry oder Mac Medal? Das ist jetzt die Frage. Dann fällt mir ein: ich habe kein Geld dabei – nur darum laufe ich weiter.
Kilometer 30: Ich fühle mich als wäre ich unter einen Lastwagen geraten – einfach beschissen. Ich mache die mentale Notiz: “Das hier ist GARANTIERT mein letzter Marathon”. Aber: es sind nur noch zwölf Kilometer. Jetzt kann ich auch nicht mehr aussteigen.
Kilometer 32: Der vier Stunden Pacer überholt mich. Die Sau! Was für eine Frechheit! Ich finde, er sieht überhaupt nicht sportlich aus. Und erst dieser alberne Luftballon. Na warte, ich krieg’ dich noch.
Kilometer 35: Hier sollte er eigentlich stehen: Littlewhitepony Leser Siebzigsieben, mit einem Löffel und einer riesigen Tüte weißem Zauberpulver, das Läuferbeine wieder munter macht. Ich öffne den Mund – aber ich schlucke nur Luft. Siebzigsieben, wo bist du?
Kilometer 40: Der Rücken vor mir kommt mir bekannt vor. Ich blinzle entkräftet und erkenne: es ist Philip aus meiner Reisegruppe. Nichts ist schöner im Leben einer Läuferin als einen Mann im entscheidenden Moment knallhart abzuhängen. Je größer der Mann, desto besser. Und Philip ist ziemlich groß.
Kilometer 41: Philip – eat my dust!
Kilometer 42: Zieleinlauf. Olympiastadion. Gänsehaut. Unglauben. Erschöpfung. Philip und der vier Stunden Pacer, die langsam HINTER mir eintrudeln. Und dann:
EUPHORIEEEEEEEEEEEEEE!!! Medaille. Bier. I did it! Fucking hell.
Aber 4.05 – das kann ich so nicht stehen lassen. Also, wo laufe ich nächstes Jahr?
(Vorschläge bitte an hello@littlewhitepony.de)
Ein dickes Danke an:
- Meinen Göttergatten, weil er meine Launen immer mit Humor erträgt. (I love you.)
- Meine Familie – für die tolle Unterstützung an der Strecke und aus der Ferne (Ihr seid spitze!)
- Euch, meine Leser, weil ihr immer so schön mitfiebert
- Daliah, für ihre Freundschaft und fotografischen Support. (Danke, dass du immer an mich glaubst.)
- Claudia, für das obergeile “Running Queen” T-Shirt
- Und letztendlich an meinen Coach Jens Karrass, weil er mich trotz widriger Umstände sicher ins Ziel geführt hat. Und weil er die Ruhe bewahrt – auch wenn mit mir das Temperament durchgeht.



Ach ist das herrlich. Nach einigen Tiefs, weiß ich jetzt wieder warum ich das Laufen angefangen habe. Das Erlebnis Marathon muss zwar noch (lange) warten, aber auf dem Plan steht es ja schon mal.
Wenn das Laufen für dich eine “Frage des Warums” ist, ist es für mich eine der besten Übungen in Geduld.
Nicht zuviel auf einmal wollen, immer schön sachte rantasten. Erstmal gehen/laufen, dann 5k, 10k, 15k…
2012 wird mein Halbmarathonjahr. Klar, eigentlich hat 2012 schon längst begonnen, schließlich will man ja nicht untrainiert zu “Gold” laufen.
Ich bin gespannt, ob ich nach dem ersten HM auch solche Eindrücke habe und diese dann verarbeiten kann. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm: Ich kann die ja auch bei dir wieder mit Genuss nachlesen.
Run Happy!
Posted by Markus | 21. Okt, 2011, 07:38Danke Markus und Happy Running to you too!!! Meld’ dich mal, wenn du deinen ersten Halbmarathon bestritten hast. Dein Pony
Posted by littlewhitepony | 21. Okt, 2011, 14:55Wie waere es mit Marathon in Edmonton naechstes Jahr???
Posted by Carolin | 21. Okt, 2011, 18:41Edmonton steht ganz oben auf der Liste – aber nicht zum Laufen.
Posted by littlewhitepony | 21. Okt, 2011, 19:03Wow, erstmal Gratulation!!! Ich könnte das nie! Weil dabei
1* keine Zeit, um Käfer am Wegesrand zu fotografieren,
2* ich keine …. besitze, mich so zu schinden
3* ich nur in Irland laufen würde… O.K. das war jetzt Ausrede..
Umso mehr lass dich feiern und wirf erstmal die Laufschuhe in die Ecke. Du hast es verdient!!!
Chapeau
Elisabeth
Posted by Elisabeth | 22. Okt, 2011, 16:51Herzlichen Glückwunsch zum ersten Marathon-Finish!
Macht echt Spaß, Deine Blogs zu lesen. Dürfte ich Deine Seite auf meinem Blog verlinken?
Keep on Running!
apu
P.S. Machen wir uns nix vor. Es wird nicht bei 1 und auch nicht bei 2 Marathons bleiben
Ich kann Dir den Hamburg Marathon empfehlen. Dort ist ein super Publikum. Fast so gut wie in NY City.
Posted by Andre | 23. Okt, 2011, 07:49Klar darfst du verlinken, Andre! War übrigens nicht mein erster Marathon, sondern mein dritter. Hamburg steht auf der Liste. Danke für den Tipp. LG Dein Pony
Posted by littlewhitepony | 23. Okt, 2011, 16:03