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Bergab

Die Verdrängung von unangenehmen Sachverhalten ist doch eine wunderbare Sache. Man vergisst einfach, was einen belastet und lebt leicht und luftig sorgenfrei in den Tag hinein. Auch ich ignoriere schon seit Jahren konsequent ein leidige Thema: mein Alter.

Dass vor der 5 keine 1 und auch leider keine 2 mehr steht, will ich gar nicht wissen. Es ist mir sowieso ein Rätsel, wie das eigentlich passieren konnte. Eben noch 15 jetzt schon 35? Gefühlt ist das über Nacht passiert – und das ist, rein wissenschaftlich gesehen, völlig unmöglich.

Meine Umwelt sieht das leider anders. Vor einiger Zeit beispielsweise, stehe ich im Laden zwischen Skinny Jeans und Glitzertops und schiebe lustlos die Kleiderbügel auf der Stange hin und her. Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter und fragt „Kann ich dir helfen?“

Ich drehe mich um, die Verkäuferin erbleicht und stottert: „Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass Sie schon so alt sind!”

Vielen Dank.

Auch nicht viel besser folgender Vorfall: Samstag abends sitze ich mit Rotwein und Popcorn auf der Couch und schaue eine jener Sendungen, bei denen alle irgendetwas Peinliches aufführen, um dann am Ende garantiert nicht Superstar zu werden. Kandidatin Nummer 3 ist furchtbar jung, furchtbar hip und will furchtbar gerne wie Beyoncé singen können. Kann sie aber nicht. Trotzdem will sie heute alles geben, weil (Zitat): „Ich will jetzt leben, denn wenn ich erst 30 bin, bin ich alt und das Leben ist vorbei!”

Ich verschlucke mich an meinem Popcorn und sterbe mit steinalten 35 beinahe den verdienten Erstickungstod. Nur der Rotwein rettet mich -  immerhin darf ich den jetzt völlig legal in allen Teilen dieser Welt literweise trinken.

Am Schlimmsten aber trifft mich das folgende Erlebnis: Brillenlos treffe ich meinen Göttergatten zum romantischen Dinner in der Innenstadt. Kerzenschein. Schummriges Licht. Der Kellner bringt die Karte und ich stelle fest: der Grafikdesigner hat maximal Schriftgröße 3 verwendet. Statt Buchstaben sehe ich nur schwarze Punkte. Ich drehe die Karte ins Kerzenlicht und mache das kleine Vor-Rückspiel: ich schiebe sie ganz weit von mir weg und ziehe sie mir dann bis unter meine Nase. Vergeblich.

„Kannst du mir die Karte vorlesen?“ bitte ich schließlich meinen Göttergatten und fühle mich zum ersten Mal so, wie Kandidatin Nummer 3 mich garantiert gesehen hätte: Uralt und reif fürs Altersheim.

Ja, so ist das eben im Leben. Und wenn Verdrängen nicht mehr hilft, hilft eben nur Eines: positiv Denken. Denn auch wenn ich die Karte nicht mehr lesen kann – meinen Göttergatten kann ich noch klar und deutlich erkennen. Und eines ist sicher: Der Vergangenheit nachtrauern, macht keinen Sinn und sorgenvoll in die Zukunft blicken, ruiniert mir nur die Gegenwart. Die Gegenwart aber ist alles, was mir bleibt:

So jung wie heute, werde ich nie mehr sein – denn von nun an, liebe Leser, geht’s bergab.

Discussion

2 Responses to “Bergab”

  1. Wie wahr – aber glaub mir, ab 40 ist diese Krise überwunden :-)

    Posted by Katja Köpp | 14. Apr, 2012, 20:34
  2. Liebe Katja, da kann ich dir nur 100% zustimmen :-)

    Liebes Pony, auch ich kann dir versichern, dass frau sich auch mit 40 noch wie 25 fühlen kann – wen interessiert die “gefühlte Temperatur” im Wetterbericht, wenn das gefühlte Alter viel cooler ist…

    Und als kleiner Trost – DU zumindest siehst wohl von hinten noch ganz schön jung aus – frag die Skinny-Jeans-Verkäuferin ;-)

    Liebe Grüße von Millie, die auch schon (fast) “29k” ist

    Posted by Millie | 24. Apr, 2012, 19:26

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